Aus den Fugen

Aus den Fugen

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Ein Kilogramm Bio-Kartoffel kostet 2 Euro. Eine Stunde bei einem Wirtschaftsanwalt kostet bis zu 500 Euro.

Stell Dir vor, wie ein Biobauer mit seinem Traktor samt Anhänger mit einer viertel Tonne Biokartoffeln beim Wirtschaftsanwalt vorfährt. Er kippt die Ladung in den Garten des Anwalts, um im Gegenzug eine Stunde mit ihm sprechen zu dürfen.

Du kannst argumentieren, dass der Anwalt in sein Studium investiert hat und dieses Geld zurückkommen muss. Doch dieses Argument reicht nicht, um die enorme Unverhältnismäßigkeit zu erklären.

Es kostet ja auch eine Stunde bei einem Automechaniker schon um die 100 Euro oder, in landwirtschaftlicher Währung, 50 kg Biokartoffeln.

Die Proportionen passen einfach nicht mehr. Das System ist krank. Dafür sind unter anderem die Zinsen verantwortlich.

Geld soll Tauschgeschäfte erleichtern. Wollen Personen A und B Waren tauschen, können sie das tun, indem sie sich treffen. Wenn aber A Ware von B will, B Ware von C und C Ware von A, ist das mühsam zu organisieren. Geld schafft Abhilfe: Angenommen, A hat Geld. A nimmt die Ware von B und gibt B das Geld. B nimmt die Ware von C und gibt C das Geld. C nimmt die Ware von A und gibt A das Geld. Damit hat jeder, was er wollte und das Geld ist wieder dort, wo es anfangs war.

Allerdings hat Geld seine Tücken. Hier ist ein Beispiel: Person A hat ein Kilo­gramm Pfirsiche, Person B hat drei Euro. Die Pfirsiche verlieren mit der Zeit an Wert, weil sie verfaulen. Das Geld hingegen behält seinen Wert oder wird, im Fall positiver Zinsen, sogar mehr wert. Damit ist der Geld­besitzer gegenüber dem Pfirsichbesitzer im Vorteil.

Positive Zinsen führen dazu, dass Zinsen in die Preise aller Waren und Leistungen eingerechnet werden müs­sen. Wenn ich als Unternehmer einen Kredit aufnehme, um mein Un­ter­nehmen zu finanzieren, muss ich die Finanzierungskosten in die Preise meiner Produkte oder Dienstleistungen einkalkulieren. Das bedeutet: Du bekommst nicht nur Zin­sen für Deine Bankguthaben, Du bezahlst Zinsen für alles, was Du kaufst. Bei Wohnraum macht der Zinsanteil der Preise über 70 % aus.

In Summe zahlst Du mehr an Zinsen, als Du für Deine Guthaben erhältst. Reiche Menschen hingegen erhalten mehr Zinsen, als sie bezahlen. Somit geschieht durch das positive Zinssystem ein ständiger Wertefluss von Arm zu Reich.

Das war nicht immer so. Im Mittelalter gab es eine Zeit mit Negativzinsen. Man musste eine Gebühr dafür zahlen, dass das Geld seinen Wert behielt. Dafür gab es verschiedene Methoden. Eine bestand darin, dass Münzen jedes Jahr gewechselt werden mussten, wobei man zB für vier alte Münzen drei neue erhielt.

Negativzinsen haben einen wichtigen Effekt: Da das Horten von Geld den Wert verringert, ist der Anreiz groß, es möglichst rasch auszugeben. Im Mittelalter funktionierte das hervorragend. Es wurde sehr viel investiert. Viele der wunderschönen Kathedralen, die wir heute bewundern, sind so entstanden.

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Geld ist einer der zentralen Faktoren unseres Systems. Damit das System gesund ist, muss Geld in gesunder, ausgeglichener Art zirkulieren – so, wie das Blut in Deinem Körper. Es gibt Teile in Deinem Körper mit mehr Blut, andere mit weniger. Doch diese Unterschiede sind begründet und angemessen. Positivzinsen sind einer der Gründe, warum Geld auf diesem Planeten nicht gesund zirkuliert, sondern sich an einigen wenigen Stellen unverhältnismäßig ansammelt.

Das System braucht eine Heilung. EINE der notwendigen Maßnahmen ist eine Heilung des Finanzsystems.