Des Kaisers neue Kleider

Des Kaisers neue Kleider

  • Post author:

Hans Christian Andersen hat uns dieses Märchen hinterlassen. Es erschien am 7. April 1837.

Es lebte einmal ein Kaiser, der all sein Geld für Kleider ausgab.

Eines Tages kamen zwei Betrüger an seinen Hof. Sie sagten, dass sie die schönsten Kleider weben könnten, die man sich nur vorstellen kann. Diese Kleider seien nicht nur außergewöhnlich schön, sie hätten auch die wunderliche Eigenschaft, dass sie für jeden Menschen unsichtbar sind, der inkompetent oder dumm ist.

Der Kaiser war begeistert und wollte diese Kleider unbedingt haben. Er dachte, dass er damit herausfinden könne, wer in seinem Reich für sein Amt geeignet ist. Außerdem könne er die Dummen von den Klugen unterscheiden. Er gab den Betrügern Geld, Seide und Goldfäden, damit sie mit der Arbeit beginnen.

Die beiden stellten zwei Webstühle auf und taten, als ob sie webten. Geld, Seide und Goldfäden taten sie in ihr Reisegepäck.

Nach einiger Zeit wollte der Kaiser wissen, wie die Arbeit voranschreitet. Da er unsicher war, schickte er seinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern. Der war klug und jedenfalls für sein Amt geeignet.

Der alte Minister ging in den Raum, in dem die beiden Betrüger an ihren leeren Webstühlen arbeiteten. Doch er sah nichts. Er war entsetzt und dachte: „Ich hätte nie geglaubt, dass ich dumm bin. Ich darf niemandem sagen, dass ich das Zeug nicht sehe!“ Also berichtete er dem Kaiser, dass die Arbeit gut voranginge.

Die Betrüger verlangten mehr Geld, Seide und Goldfäden und der Kaiser gab es ihnen bereitwillig.

Nach einer Weile sandte der Kaiser den nächsten ehrlichen Staatsmann zu den Betrügern, um den Fortgang der Arbeit zu prüfen. Dem ging es wie dem Ersten. Auch er sah nur leere Webstühle. Und auch er ließ sich nichts anmerken und lobte daher das, was er nicht sah, in den höchsten Tönen.

Alle Menschen in der Stadt sprachen von den prächtigen Kleidern.

Schließlich wollte der Kaiser selbst die Arbeit auf dem Webstuhl sehen. Also ging er mit einer Schar ausgewählter Personen in den Saal, darunter auch der Minister und der Staatsmann, die schon früher dort waren.

Klarerweise sah auch der Kaiser nichts. Das erschreckte ihn. „Bin ich dumm? Tauge ich nichts als Kaiser?“ fragte er sich still. Doch er ließ sich nichts anmerken und sagte: „Die Kleider sind sehr schön!“ Er verlieh den beiden Betrügern sogar den Titel „Kaiserliche Hofweber“.

Es war eine Prozession geplant und man riet dem Kaiser, die neuen Kleider bei dieser Gelegenheit zu tragen.

Während der Kaiser sich ankleidete, lobten alle anwesenden Personen die Kleider, die keiner sah. Niemand wollte sich anmerken lassen, dass er/sie nichts sah.

Es kam, wie es kommen musste. Als der Kaiser auf die Straße ging, wollte sich niemand aus dem Volk anmerken lassen, dass er/sie keine Kleider sah. Alle sprachen davon, wie schön die Kleider seien.

„Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind.

Da ging ein Raunen und Gemurmel durch die Menge und schließlich traute sich auch das Volk, zu sagen, dass keine Kleider zu sehen sind.

Als der Kaiser das hörte, vermutete er, dass das Volk recht hat. Doch er ließ sich nichts anmerken und führte die Prozession stolz zu Ende.

*

Was sagt uns dieses Märchen?

Wir sind uns nur allzu oft untreu. Allzu oft stimmen wir anderen zu, weil wir uns nicht zu widersprechen trauen. Allzu oft verhalten wir uns so, wie es die anderen von uns erwarten. Allzu oft verhalten wir uns so, dass die anderen uns weiterhin akzeptieren – anerkennen – loben – lieben. Dazu verbiegen wir uns. Wir verkaufen uns für Akzeptanz, Zustimmung, Lob, Liebe usw.

Finde Beispiele in Deinem Leben.