Die Langeweile des Funktionierens

Die Langeweile des Funktionierens

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In meiner ersten Karriere war ich Mathematiker. Ich lehrte an einer Universität, forschte und hatte ein eigenes Unternehmen. Mit Leib und Seele hatte ich mich meiner Arbeit verschrieben. Ich arbeitete Tag und Nacht, oft sieben Tage die Woche – nicht, weil ich musste, sondern weil ich wollte.

Und ich war erfolgreich. Ich bereiste die ganze Welt, hielt Vorträge und Seminare, schrieb Bücher, erhielt viel Anerkennung und verdiente gut.

Mein Leben war abwechslungsreich im Detail, aber langweilig im Ganzen. Nach mehr als zwanzig Jahren war die Vielfalt zur Routine gewor­den. Wo auch immer ich auf diesem Planeten war, es fühlte sich an, als würde ich mit denselben Menschen dieselben Gespräche über dieselben Themen führen.

Ich funktionierte. Doch ich war viel zu neugierig, um das noch länger mitzumachen. Ich brauchte eine Veränderung.

2009 beendete ich meine Mathematik-Karriere, löste mein Unternehmen auf und startete eine neue Karriere als Coach und Handanalytiker.

Ich war wieder begeistert. Nach vielen Jahren des Reisens genoss ich, dass meine KundInnen zu mir kamen. Ich hielt Vorträge und Seminare. Ich schrieb Bücher.

Doch mein Enthu­siasmus hielt nicht lange an. Diesmal war bereits nach zwei Jahren alles wieder zur Routine geworden. Wieder fühlte es sich an, als würde ich mit denselben Menschen dieselben Gespräche über dieselben Themen führen.

Die Menschen kamen wegen vier Themen: Gesundheit, Liebe, Geld, Karriere. Sie hatten die gleichen Fragen. Und sie hatten wegen der gleichen Ursachen die gleichen Probleme.

Ich erkannte, dass die Menschen nur scheinbar verschieden sind. Tatsächlich folgen alle großteils denselben Programmen. Sie funktionieren. So, wie ich.

Ich funktionierte auch in meiner zweiten Karriere. Doch ich war viel zu neugierig, um das noch länger mitzumachen. Ich brauchte eine Veränderung.

2011 nahm ich an einem Seminar über die Frage ‚Was bin ich?‘ teil. Es passte zu dem, was ich gerade herausgefunden hatte. Meine Formulierung war: ‚Was bin ich ohne meine Programme?‘ bzw ‚Was bleibt, wenn ich nicht mehr funktioniere?‘

Ich war inspiriert. Von diesem Tag an wollte ich herausfinden, was ich ohne meine Programme bin. Und als Wissenschaftler wollte ich eine Antwort finden, die über mich hinausging. Was danach geschah, erzählte ich in „Mein Körper wollte mit mir sprechen“.

*

Langeweile zeigt, dass etwas nicht stimmt. Doch Achtung! Es gibt zwei Arten von Langeweile. Eine erlernte und eine echte.

Wir lernen, Leere als langweilig zu erleben. Doch tatsächlich ist Leere enorm wertvoll. Leere bietet Zeit für neugieriges Lauschen. Doch wir lernen, stattdessen die Leere zu füllen: mit allen möglichen und unmöglichen Handlungen; oder auch einfach „nur“ mit Denken. Wir lernen, ständig beschäftigt zu sein. Wir lernen, uns abzulenken.

Echte Langeweile entsteht durch Funktionieren. Sie kann nur durch echte Neugier erkannt werden. Sie zu erkennen kann eine Transformation bewirken. Bei mir war es so.