Haben Tiere ein Bewusstsein?

Haben Tiere ein Bewusstsein?

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Das hängt davon ab, was man unter ‚Bewusstsein‘ versteht.

Im Englischen gibt es zwei Worte, die mit ‚Bewusstsein‘ übersetzt werden: ‚consciousness‘ und ‚awareness‘. Doch das ist unrichtig. Die richtige Übersetzung für Awareness ist ‚Gewahrsein‘.

Wir müssen zwischen Bewusstsein und Gewahrsein unterscheiden.

Bevor wir uns die Details anschauen, hier die Antwort auf obige Frage:

Wir Menschen sind gewahr und bewusst.

Tiere sind gewahr, aber nicht bewusst.

Was ist der Unterschied zwischen Gewahrsein und Bewusstsein?

(Ich habe das jahrelang erfoscht und genaue Definitionen von Bewusstsein, Gewahrsein und verwandten Begriffen vorgeschlagen. Die Details sind technisch. Du findest Sie in meinem Buch „Bewusstsein: Natur – Zweck – Verwendung“. Hier ist die Kurzversion:)

Gewahrsein ist das Wissen vom gegenwärtigen Moment, wie er von Deiner Geschichte interpretiert wird.

Stell Dir vor, Du schaust auf eine Birke. Wie kommt es, dass Du Dir gewahr bist, eine Birke zu sehen?

Deine Geschichte enthält (a) das Wissen, dass das, was Du siehtst, ein Baum ist und (b) dass Du den Namen dieses Baumes gelernt hast. Auf dieser Basis interpretiert Deine Geschichte die von Deinen Augen gelieferte visuelle Information und erzeugt das Gewahrsein, eine Birke zu sehen.

Die interpretative Kraft Deiner Geschichte ist so stark, dass sie Dich sogar etwas gewahr sein lassen kann, das es gar nicht gibt. Ein eindrucksvolles solches Beispiel ist die folgende optische Täuschung:

Deine Geschichte lässt Dich ein Quadrat sehen (dh sie lässt Dich Dir eines Quadrats gewahr sein), obwohl es in diesem Bild kein Quadrat gibt. Ich bespreche diese optische Täuschung im Detail in meinem Artikel „Das Gefängnis für Deinen Verstand ist real“.

Bewusstsein ist die Fähigkeit, sich zu erinnern.

Zum Beispiel kannst Du Dich daran erinnern, wen Du gestern getroffen hast.

Tiere können das nicht.

Woher ich das weiß?

Ich habe einen Hund gefragt. Der hat es mir gesagt!

Spaß beiseite: Durch Logik.

Machen wir dazu ein Gedankenexperiment.

Stell Dir ein Zebra vor, dass neben einem Wasserloch steht und sich daran erinnert, wie es gestern einem Löwen entkommen ist.

Tiere maximieren ihre Überlebenschancen dadurch, dass sie sich ihrer Umgebung permanent 100 % gewahr sind. Sie sind vollkommen fokussiert auf das, was sie sinnlich und intuitiv wahrnehmen.

Während sich das Zebra erinnert, ist es sich nicht 100 % der Umgebung gewahr, denn Erinnern „verbraucht“ einen Teil des Gewahrseins. Das Wort ‚gedankenverloren‘ drückt genau das aus.

Wenn Du Dich beim Autofahren an etwas erinnerst, bist Du Dir des Verkehrs weniger gewahr. Du könntest eine Geschwindigkeitsbeschränkung übersehen und Dir damit einen Strafzettel einhandeln. (Ist mir passiert …)

Während sich das Zebra in unserem Gedankenexperiment daran erinnert, wie es gestern einem Löwen entkommen ist, bemerkt es den sich anschleichenden Löwen nicht – und stirbt.

Tiere, die sich erinnern, hätten eine geringere Überlebenschance als Tiere, die sich nicht erinnern – und würden daher rasch aussterben.

Aus diesen Überlegungen folgt, dass sich Tiere nicht erinnern.

Du könntest einwenden, dass es Videos von Tieren gibt, die nach Jahren mit Trainern wiedervereint werden und von Delfinen, die auf Delfine reagieren, mit denen sie vor Jahren ein Becken geteilt hatten. In diesen Videos scheint es, als würden die Tiere Trainer und Artgenossen wiedererkennen.

Erinnern sich die Tiere?

Nein.

Sie erleben Vertrautheiten. Eine Vertrautheit ist etwas anderes  als eine Erinnerung.

Wenn Du einen Menschen siehst und das Gefühl hast, sie oder ihn zu kennen, aber Du weder den Namen noch sonst etwas über diesen Menschen weißt, dann erlebst Du eine Vertrautheit – ohne dass Du Dich erinnerst.

Alle Lebensformen erleben Vertrautheiten. Nur Menschen können sich erinnern.

Die optische Täuschung und die erwähnten Videos sind Beispiele dafür, wie Vertrautheiten Verhalten erzeugen.

Du könntest einwenden, dass Haustiere verschieden sind.

Ja und nein. Der Unterschied ist, dass die Vertrautheiten von Haustieren sehr verschieden sind von den Vertrautheiten von Wildtieren. Haustiere leben in einer unnatürlichen, mensch-gemach­ten und von Menschen bewohnten Umgeb­ung. Diese Umge­bung konditioniert ein Haustier wie jede Umgebung das tut.

Konditionierung erzeugt Vertrautheiten. Vertrautheiten erzeugen Verhalten. Menschenähnliche Vertrautheiten erzeugen menschenähnliches Verhalten.

Nicht mehr und nicht weniger. Menschenähnliches Verhalten ist kein Beweis für Bewusstsein, nur für eine menschenähnliche Konditionierung.

Weder Wildtiere noch Haustiere sind bewusst. Aber sie sind gewahr.

(Mehr in meinem Buch „Bewusstsein: Natur – Zweck – Verwendung“.)