Hör auf, Deinem Kind das anzutun – und mache es bei Dir rückgängig

Hör auf, Deinem Kind das anzutun – und mache es bei Dir rückgängig

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Stell Dir ein Kind vor, das ganz in sein Spiel vertieft ist. Es erforscht da­mit neugierig die Welt. Es ist Mittag und ein Elternteil ruft das Kind zum Essen. Das Kind sagt, dass es keinen Hunger hat, doch es muss gehor­chen.

Hat das Kind tatsächlich keinen Hunger? Ja, denn es war voll und ganz auf sein Spiel fokussiert. Stell Dir Picasso vor, wie er gerade ein Bild malt. Da ruft seine Frau: „Pablo, Mittagessen ist fertig.“ Kannst Du Dir ernsthaft vor­stellen, dass Picasso Pinsel und Palette fallen lässt und sich auf den Bra­ten stürzt?

Warum tun wir das unseren Kindern an? Sind sie weniger wert als Picasso? Nein. Wir machen das, weil es mit uns gemacht wurde. Wir haben das nie hinterfragt und einfach die „Tradition“ weitergegeben.

Schauen wir uns an, was in dieser Situation mit dem Kind geschieht.

Das spielende Kind ist neugierig, dh geistig hungrig, und stillt seinen geis­ti­gen Hunger durch das Spiel. Mittendrin wird es aus seinem Spiel her­ausgerissen. Es wird zum Essen gezwungen, obwohl es nicht hung­rig ist. Das bewirkt mehrere ungute Programmierungen:

(1) Das Kind muss seine neugierige Erforschung der Welt beenden. Es lernt, dass seine Neugier falsch ist.

(2) Das Kind wird aus seinem Fokus herausgerissen. Es verlernt, fo­kus­siert zu bleiben.

(3) Das Kind muss essen, obwohl es nicht hungrig ist. Es lernt, sich nach fremden Impulsen zu richten, statt nach den eigenen.

(4) Das Kind lernt, dass seine Gefühle und sein Instinkt weniger wert sind als Anweisungen von außen. Es lernt, dass es weniger wert ist als die Menschen, von denen diese Anweisungen kommen. Es lernt ein Minderwertigkeitsgefühl.

(5) Neugier ist geistiger Hunger. Das spielende Kind ist zwar geistig, aber nicht physisch hungrig. Doch es darf nicht geistig essen, statt­dessen muss es physisch essen. Das Kind lernt, seinen geisti­gen Hunger durch physische Nahrung zu stillen zu versuchen. (Was aber nicht geht.)

Weil das in dieser oder ähnlicher Form wiederholt geschieht, werden diese Muster stärker. Das Ergebnis ist ein Mensch, der funktioniert, konsu­miert und sich minderwertig fühlt.

Ist dem Kind das Essen als Ersatzkanal für seinen geistigen Hunger an­trainiert worden, wird es, statt wahrhaft neugierig die Welt zu erfor­schen, pseudo-neugierig den Kühlschrank erforschen.

Schau Dich zur Bestätigung um! Essen spielt in unserer Gesellschaft eine überra­gende Rolle. Diese Rolle geht weit über ein Stillen des natürli­chen Nah­rungshungers hinaus. Manche Menschen sind gierig nach Nahrungs­mengen, andere nach Abwechslung. Süßwaren spielen da­bei eine herausragende Rolle.

Was bringt es Dir, das zu wissen?

Erstens kannst Du vermeiden – oder damit aufhören – dies Deinem Kind anzutun.

Zweitens kannst Du das bei Dir rückgängig machen. Du kannst Dich von diesem Programm befreien.

Der erste Schritt ist, es in Dir zu erkennen. Dieses Video kann Dir dabei helfen.

Der zweite Schritt ist, Dein Essverhalten zu beobachten.

Der dritte Schritt ist, herauszufinden, warum Du etwas essen willst, wenn Du etwas essen willst.

Der vierte Schritt ist, nicht zu essen, wenn Du herausfindest, dass Du nicht wirklich hungrig bist, sondern nur Befriedigung suchst. Mache stattdessen etwas Kreatives.

All das braucht viel Selbstehrlichkeit, die viel Übung braucht. Es es braucht Disziplin.

Das ist wirklich fundamental! Der große US-Amerikanische Architekt und Erfinder Buckminster Fuller hat es auf den Punkt gebracht. Er hat gesagt:

„Alle Kinder sind geborene Genies;
9.999 von 10.000 werden von Erwachsenen
schnell und ungewollt entgenialisiert.“
(Buckminster Fuller)

Essen ist nicht die einzige Methode dafür. Ich beschreibe die anderen Methoden in meinem Buch „Neugier: Der geistige Hunger des Menschen“.

Als Kinder sind wir grenzenlos neugierig und erforschen permanent die Welt, indem wir auf viele Arten die Fragen ‚Warum?‘ und ‚Warum nicht?‘ stellen. Obiges Beispiel zeigt, warum und wie das aufhört, wenn wir älter werden

Wir machen das mit unseren Kindern, weil unsere Eltern es mit uns gemacht haben. Unsere Eltern haben es gemacht, weil ihre Eltern es mit ihnen gemacht haben. Das ist ein geistiges Erbe, das in zahllosen Generationen entstanden ist. Das hat nie jemand hinterfragt. Es ist an der Zeit, damit aufzuhören. Wir müssen raus aus der Box.