Wer hat heute mein Frühstück gewählt?

Wer hat heute mein Frühstück gewählt?

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Wer hat heute mein Frühstück gewählt?

Ich möchte gerne sagen, dass ich das war – doch das ist nicht wahr.

Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der die Menschen, wie zB meine Eltern, den Tag mit einem Frühstück begonnen haben. Sie haben dafür gewisse Nahrungsmittel gewählt. Dadurch habe ich mich daran gewöhnt, einen Tag mit einem Frühstück zu beginnen. Und ich habe mich daran gewöhnt, dafür diese Nahrungsmittel zu wählen.

Wäre ich in einer Umgebung mit anderen Frühstück-Gewohnheiten aufgewachsen, zB in Japan, hätte ich heute etwas anderes gefrühstückt.

Wie starr sind meine Frühstück-Gewohnheiten?

Sie lassen mir Wahlmöglichkeiten, wie zB Tee, Kaffee oder Kakao als Heißgetränk. So ein Repertoir kann entstanden sein, weil meine Eltern variiert haben; oder weil mein Vater und meine Mutter verschieden gewählt haben.

Hab ich zumindest den Kaffee heute frei gewählt?

Vielleicht ja, vielleicht nein.

Um das herauszufinden, muss ich mir ansehen, was ich die vergangenen, sagen wir, 100 Tage zum Frühstück gewählt habe. Falls es dabei ein Muster gibt, wie zB meistens Kaffee, dann habe heute nicht ich, sondern dieses Muster gewählt. Dieses Muster habe ich von anderen übernommen oder im Laufe der Zeit selbst entwickelt.

Eine Gewohnheit ist dasselbe wie ein Muster. Ein Muster ist dasselbe wie ein Programm.

Vielleicht findest Du die Worte ‚Gewohnheit‘ und ‚Muster‘ angenehmer als ‚Programm‘. Doch die Wortwahl ist Kosmetik.

Wie entstehen Gewohnheiten/Muster/Programme?

Viele entstehen durch Wiederholung. Doch sie sind veränderbar.

Ich bin mit österreichischen Essgewohnheiten aufgewachsen. Dazu gehört, den Tag mit einem Frühstück zu beginnen. Also aß ich jeden Tag ein Frühstück, ohne dass ich mich je fragte, ob ich überhaupt hungrig bin. Eines Tages las ich ein Buch über den gesundheitlichen Wert des Fastens. Der Autor erklärte, dass das Frühstück (englisch ‚break-fast‘) das Brechen des nächtlichen Fastens ist. Frühstückt man nicht, wird das nächtliche Fasten um ein paar Stunden verlängert – und das sei gesund.

Dieses Argument überzeugte mich. Ich gab meine ‚täglich frühstücken‘-Gewohnheit von einem Tag auf den anderen auf und ersetzte sie durch die ‚nie frühstücken‘-Gewohnheit.

Doch das war klarerweise auch nur ein Programm. Das neue Programm entstand nicht durch Wiederholung, sondern durch eine Entscheidung.

Ich las mehr und mehr Bücher über Ernährung. Ich machte eine Ausbildung zum Ernährungsberater. Ich wurde Vollwertköstler, dann Vegetarier, dann Trennköstler, dann Veganer.

Doch das waren alles nur Programme. Ich wendete die Regeln an, über die ich gelesen hatte. Ich aß nicht mehr, was gut für mich war, ich aß, was nach der Meinung anderer Leute gesund war.

Ich hatte meinen natürlichen Appetit durch meine Beschäftigung mit Ernährungstheorien zugemüllt.

Heute weiß ich, was das war: eine Essstörung.

Durch das Graben nach den Wurzeln meiner Gewohnheiten konnte ich mich davon befreien.