Wer wählt für uns?

Wer wählt für uns?

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Wer hat heute Morgen Dein Frühstück gewählt?

Du antwortest vielleicht: Ich habe es gewählt.

Bist Du Dir dessen sicher?

Du bist in einer Umgebung aufgewachsen, in der die Menschen, wie zB Deine Eltern, den Tag mit einer Mahlzeit begannen, die ‚Frühstück‘ genannt wird. Und sie haben dafür gewisse Nahrungsmittel gewählt. Daher hast Du gelernt, einen Tag mit einem Frühstück zu beginnen, und Du hast ein Repertoire an Wahlmöglichkeiten für ein Frühstück erlernt. Du wurdest programmiert, indem Du den Menschen rund um Dich beim Frühstücken zugeschaut hast.

Wärest Du in einer Umgebung mit anderen Frühstücksgewohnheiten aufgewachsen, zum Beispiel in Japan, hättest Du jetzt ein anderes Frühstück-Programm und hättest heute Morgen anders gewählt.

Es hat daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Dein Frühstück-Programm heute Morgen Dein Frühstück gewählt.

Vielleicht argumentierst Du, dass Dir Dein Frühstück-Programm zumindest einige Wahlmöglichkeiten gelassen hat und dass Du daraus sowie aus dem, was heute Morgen verfügbar war, gewählt hast.

Vielleicht ja, vielleich nein.

Um das herauszufinden, musst Du Dir ansehen, was Du die vergangenen, sagen wir, einhundert Tage zum Frühstück gewählt hast. Falls es dabei ein Muster gibt, wie zB meistens Kaffee, dann hast nicht Du gewählt, sondern dieses Muster. Dieses Muster kann eine Gewohnheit sein oder eine Abhängigkeit/Sucht. Jedenfalls ist es ein Programm, das Du von anderen gelernt hast oder das Du im Laufe der Zeit selbst entwickelt hast. Und dieses Muster/Programm hat Dich auch jene Nahrungsmittel kaufen lassen, die Du zuhause vorrätig hast.

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Frühstücken ist nur eine Tätigkeit von vielen jeden Tag.

Wenn Du die obigen Überlegungen auf alle Tätigkeiten während eines Tages anwendest, wirst Du erkennen, dass Du viele Programme hast und dass die meisten Deiner täglichen Verhaltensweisen von diesen Programmen kommen.

Andere Leute in Deinen sozialen Gruppen (Kultur, Religion, Nation, Sippe/Familie usw) haben ähnliche Programme. Daher verhalten sich die Menschen in gleichen Situationen ähnlich. Das macht jeden berechenbar. Daher wollen alle, dass alle anderen Mitglieder ihrer sozialen Gruppen den Programmen folgen. Und weil die Menschen gelernt haben, diesen sozialen Gruppen angehören zu wollen, tun sie das auch. (Aus der Perspektive der Gruppe sind Programme nichts anderes als Verhaltensregeln.)

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Denk darüber einen Moment nach.

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Wir sind voll mit Programmen – und im Laufe eines Tages wählen fast immer unsere Programme. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat das so ausgedrückt:

Der Mensch kann zwar tun, was er will,
aber nicht wollen, was er will.
(Arthur Schopenhauer)

Mit anderen Worten: Wir können unseren Wünschen folgen, (und üblicherweise tun wir das,) aber wir können unsere Wünsche nicht kontrollieren (tatsächlich kontrollieren unsere Wünsche uns).

„Wunsch“ ist nur eine andere Art, das zu betrachten, weil die meisten Wünsche auf Programmen basieren. Ein Frühstück-Programm erzeugt einen Wunsch nach einem (bestimmten) Frühstück. Ein Kaffee-Programm erzeugt einen Wunsch nach Kaffee. Ein Alkohol-Programm erzeugt einen Wunsch nach Alkohol. Ein Zigaretten-Rauchen-Programm erzeugt einen Wunsch, eine Zigarette zu rauchen. Ein Leute-die-nicht-gehorchen-Anschreien-Programm erzeugt den Wunsch, jemanden, der nicht gehorcht, anzuschreien. Usw. 1 % oder weniger unserer Wünsche kommen nicht von Programmen und sind daher wahrhaftig. (Diese Zahl ist das Ergebnis von fünf Jahren intensiver Forschung. Ich werde darüber in einem zukünftigen Artikel schreiben.)

Da wir meist unseren Wünschen folgen, führen wir meist unsere Programme aus. Mit anderen Worten, wir sind die meiste Zeit auf Autopilot.

Auf Autopilot zu sein bedeutet, zu funktionieren. Das Funktionieren läuft darauf hinaus, die Erwartungen anderer zu erfüllen – von Partnern, Eltern, Nachbarn, Freunden, Kollegen, Vorgesetzten; sowie unsere eigenen Erwartungen. Das ist so, weil jeder erwartet, dass alle den Programmen (Gruppenregeln) folgen.

Klingt das vertrauter?

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Es ist sehr herausfordernd, zu akzeptieren, auf Autopilot zu sein. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich spreche nicht von einer oberflächlichen Zustimmung zu einer Aussage, die man immer wieder hört, sodass sie schon fast ein Allgemeinplatz ist. Ich meine eine Akzeptanz, die aus einem tiefen Verständnis kommt, was das wahrhaftig bedeutet; ein Verständnis, das die Frage aufwirft: „Gibt es dann überhaupt einen freien Willen?“; ein Verständnis, das ein Gefühl zwischen Schock und Verzweiflung erzeugt; ein Verständnis, das den Autopiloten beenden möchte – oder zumindest wissen möchte, ob das möglich ist.

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Können wir den Autopiloten beenden?

Ja, das können wir.

Auf Autopilot zu sein bedeutet, jenen Wünschen zu folgen, die von unseren Programmen kommen. Und genau das tun wir üblicherweise tagein, tagaus.

Doch wir können wählen, einem Wunsch nicht zu folgen; wie zB keinen Kaffee zu trinken; keinen Alkohol zu trinken; keine Zigarette zu rauchen; jemanden, der nicht gehorcht, nicht anzuschreien.

Diese Wahl zu haben macht uns zum Menschen. Diese Wahl zu haben unterscheidet uns von allen nicht-menschlichen Lebensformen auf diesem Planeten. (Ich erkläre das im Detail in meinem Buch „Bewusstsein: Natur – Zweck – Verwendung“.)

Dabei gibt es zwei Herausforderungen:

Erstens: Wie wissen wir, dass ein Wunsch von einem Programm kommt? Es kommen zwar die meisten Wünsche von Programmen, doch es gibt auch einige wenige Wünsche, die echt und daher wahrhaftig sind. Denen sollten wir folgen. Daher müssen wir die Programme hinter den Wünschen finden. Damit wir wählen können, ob wir folgen oder nicht folgen. Das ist alles andere als leicht. Das braucht ein enormes Maß an Selbstehrlichkeit. Das muss gelernt und geübt werden. Auch nach fünf Jahren bin ich damit nicht fertig – und werde auch nie damit fertig sein.

Zweitens: Einem Wunsch nicht zu folgen ist ebenfalls alles andere als leicht. Das weiß jeder, der sich von einer Abhängigkeit befreit oder sich ein unpassendes Verhalten abgewöhnt hat. Und da jedes Programm wie eine Abhängigkeit/Sucht ist, verlangt das Freiwerden vom Autopiloten, durch eine lange Reihe von Entzügen/Entwöhnungen zu gehen.

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Was tun mit dieser Erkenntnis?

Du könntest sie einfach ignorieren und weiterleben wie bisher.

Oder Du akzeptierst diese Perspektive und sagst: Ist es nicht erstaunlich (oder welches Wort auch immer Du hier einsetzen möchtest), was ich erreicht habe, obwohl ich die meiste Zeit auf Autopilot bin? Was könnte ich wohl erreichen, wenn ich nicht mehr auf Autopilot bin?

Das ist nicht eine Frage von richtig oder falsch, gut oder schlecht. Es ist einfach nur eine Wahl.

Ich habe Letzers gewählt, weil ich neugierig war. Das hat mich auf die aufregendste Reise meines Lebens geschickt: eine Expedition, um herauszufinden, was ich ohne meine Programme bin. Das ist aufregend! Mein Leben hat dadurch ein „Upgrade“ erfahren.