Wie ich viel von meiner Neugier verlor

Wie ich viel von meiner Neugier verlor

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Als Kind war ich grenzenlos neugierig. Wie alle Kinder.

Ich war ganz in mein Spiel vertieft. Ich erforschte neugierig die Welt. Es war Mittag und meine Mutter rief mich zum Essen. Ich antwortete, dass ich keinen Hunger habe.

Hatte ich tatsächlich keinen Hunger?

Nein, denn ich war voll und ganz auf mein Spiel fokussiert.

Stell Dir Picasso vor, wie er ein Bild malt. Da ruft seine Frau: „Pablo, Essen ist fertig.“ Kannst Du Dir vorstellen, dass Picasso Pinsel und Palette fallen lässt und sich auf den Braten stürzt?

Diese Vorstellung ist lächerlich.

Bin ich weniger wert?

Auch Du kennst Situationen, in denen Du auf das Essen vergisst, weil Du ganz in dem aufgehst, was Du tust. Doch auf das Essen zum Zweck des Hungerstillens kannst Du nicht vergessen. Der Nahrungshunger hat eine Kraft, die Du nicht ignorieren kannst. Jeder Säugling ist dafür Beweis.

Du kannst aber auf das Einhalten von Essenszeiten vergessen. Doch die sind nicht natürlich. Tiere fressen, wenn sie hungrig sind.

Zurück zu mir.

Ich war neugierig und habe mich im Spiel geistig ernährt. Doch ich wurde aus dem Spiel herausgerissen. Ich musste mich zum Mittagstisch setzen und essen, obwohl ich nicht hungrig war.

Dadurch wurde ich mehrfach ungut programmiert.

Ich musste meine neugierige Erforschung der Welt unterbrechen. Ich lernte, dass meine Neugier falsch ist.

Ich wurde aus meinem Fokus herausgerissen. Ich verlernte, fokussiert zu bleiben.

Ich musste essen, obwohl ich nicht hungrig war. Ich lernte, mich nach fremden Impulsen zu richten statt nach meinen eigenen.

Ich lernte, dass mein Instinkt weniger wert ist als das, was andere sagen. Ich lernte ein Minderwertigkeitsgefühl.

Neugier ist geistiger Hunger. Ich war zwar geistig, aber nicht physisch hungrig. Doch ich durfte nicht geistig essen, stattdessen musste ich physisch essen. Ich lernte, meinen geistigen Hunger durch physische Nahrung zu stillen zu versuchen (– was nicht geht).

Alle halten sich an Essenszeiten, weil sie normal sind. Sie sind normal, weil sich alle daran halten. Das ist ein Teufelskreis, den niemand hinterfragt und aus dem daher auch niemand aussteigt.

Weil das nicht nur einmal, sondern fast täglich geschah, wurde die Programmierung immer stärker. Und es geschieht nicht nur in Bezug auf das Essen.

So verlor ich viel von meiner Neugier und wurde ich zu einem funktionierenden Roboter gemacht.

Allen Kindern geht es so.

Wenn eine Kraft nicht natürlich wirken kann, wirkt sie anders. Sie muss wirken. Das ist Physik. Die Kraft findet einen Weg. Neugier ist unsere stärkste Kraft. Ist einem Kind einmal das Essen als ein Ersatzkanal für seinen geistigen Hunger antrainiert worden, wird es, statt neugierig die Welt zu erforschen, neugierig zum Kühlschrank gehen.

Denk an die weltweit zunehmende Fettleibigkeit der Menschen!

Es gibt noch viel andere Arten der Umleitung der Kraft der Neugier: Sammeln, Bewegung/Sport, Sex, Information, Reisen und Drogen. Ich bespreche diese Themen ausführlich in meinem Buch „Neugier: Der geistige Hunger des Menschen“.