Wie man richtig wächst

Wie man richtig wächst

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In einem früheren Blog Post habe ich erklärt: „Wenn wir nicht wachsen, verwelken wir.“ Allerdings ist nicht jede Art von Wachstum vorteilhaft.

Zu wachsen bedeutet, mehr zu werden; zuzunehmen.

Wenn ich zB übermäßig essen, könnte mein Körpergewicht übermässig zunehmen. Doch das ist keine vorteilhafte Art von Wachstum, sondern eine, das ein Gesundheitsrisiko darstellt.

Das wirft die Frage auf: Was sind gesunde Formen von Wachstum?

Suchen wir in der Natur nach Antworten.

Schau tief in die Natur,
und dann wirst du alles besser verstehen.
(Albert Einstein)

B Kutzler - Blog Post - Wie man richtig wächst

Je älter wir werden, desto mehr Programme sammeln wir. Je mehr Programme wir haben, desto weniger natürlich verhalten wir uns. Auch Naturvölker haben ihre Regeln und ihre Erwachsenenkultur, in die die Kinder durch Vorbilder und Training hineinerzogen werden. Einige haben dabei sehr sonderbare Gewohnheiten/Regeln entwickelt. Zum Beispiel verlangen die Mursi aus Äthiopien, dass Frauen Lippenteller tragen. Dazu werden den Mädchen im Alter von 15 oder 16 die Unterlippen aufgeschnitten und zwei der unteren Zähne ausgeschlagen.

Die natürlichsten Menschen auf diesem Planeten sind Babies und kleine Kinder. Die sind unsere Vorbilder dafür, was für Menschen natürlich (und damit gesund) ist; in allen Kulturen.

Wir schauen uns daher Kinder in Bezug auf Wachstum an.

Kinder wachsen auf viele Arten. Ihre Körper wachsen. Ihre körperlichen Fähigkeiten wachsen. Ihre geistigen Fähigkeiten wachsen. Und sie erleben eine tiefe Freude am Leben.

Zwischen Wachstum und Freude gibt es nicht nur eine Korrelation, zwischen ihnen besteht ein Kausalzusammenhang.

Wachstum ist die Essenz des Lebens (wie ich in meinem Blog Post „Wenn wir nicht wachsen, verwelken wir“ erkläre). Wir haben daher einen natürlichen lebenslang wirksamen Trieb zu wachsen. Wir sind das ganze Leben lang hungrig nach Wachstum. Das Wachsen befriedigt uns mehr als sonst etwas. Und Befriedigung erzeugt Freude.

Als wir Kinder waren, war das Leben einfach und schön, während all unsere Energie in das Wachsen ging. Und wir wuchsen mit phänomenaler Geschwindigkeit sowohl körperlich als auch geistig. Doch als wir älter wurden, nahm unser Wachstum ab.

Es ist logisch, dass das körperliche Wachstum abnimmt und schließlich zum Stillstand zu kommen scheint. Das ist so, weil ein Bewegungsapparat eine ideale Größe hat. Tatsächlich ist aber ständig Wachstum in uns, doch es ist vom natürlichen Verfall egalisiert. Mit anderen Worten, das körperliche Wachstum verlangsamt sich so weit, bis es den Verfall ausgleicht. (Siehe dazu mein Blog Post „Wenn wir nicht wachsen, verwelken wir“.) Erst nach einer Verletzung oder einer Erkrankung sehen wir, dass wir immer noch körperliches Wachstum in uns haben, da es sonst keine körperliche Heilung gäbe.

Allerdings verlangsamt sich unnötigerweise auch das geistige Wachstum während wir älter werden. Die Gründe dafür bespreche ich weiter unten. Unglücklicherweise betrachten wir das als normal, wie Sprüche wie „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ zeigen. Das ist tatsächlich einer der dümmsten Sprüche, die man von sich geben kann!

Es gibt keinen logischen Grund, warum wir geistig nicht mehr wachsen sollten, nur weil das physische Wachstum sich an den Verfall angeglichen hat.

Ein starkes Indiz dafür ist eine Sehnsucht, die uns als Erwachsene begleitet; eine Sehnsucht, die nichts anderes ist als der Wunsch, die in der Kindheit erlebte Freude am Wachsen wieder zu erleben.

Die gute Nachricht ist: Wir können sie wieder erleben. Wir müssen nur wieder wachsen. Richtig wachsen.

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Als Mensch können wir auf drei Arten zunehmen/wachsen:

  • Unser Körper kann zunehmen – körperliches Wachstum.
  • Unsere körperlichen Fähigkeiten können zunehmen – sensomotorisches Wachstum.
  • Unsere geistigen Fähigkeiten können zunehmen – geistiges Wachstum.

Wachstum braucht Baumaterial – so genannte „Nahrung“. Es gibt eine Kraft in uns, die nach Nahrung verlangt. Sie heißt „Hunger“.

Entsprechend erleben wir drei Arten von Hunger nach drei Arten von Nahrung:

  • Wir sind hungrig nach physischer Nahrung – physischer Hunger.
  • Wir sind hungrig nach Sinneswahrnehmungen und Bewegung – sensomotorischer Hunger.
  • Wir sind hungrig nach Wissen und Verstehen – geistiger Hunger, auch Neugier genannt.

In unserer Kindheit haben wir uns auf allen drei Ebenen ernährt. Doch unser geistiger Hunger war am stärksten. Die meiste Energie ging in das Wissen- und Verstehen-Wollen. Wir haben neugierig die Welt erforscht, indem wir mit allen Sinnen auf unzählige Arten ‚Warum?‘ und ‚Warum nicht?‘ gefragt haben. Und wir haben mit allen Sinnen nach Antworten gelauscht. Die anderen haben das „Spiel“ genannt.

Dadurch sind wir mit phänomenaler Geschwindigkeit gewachsen.

Aber wir haben unweigerlich damit begonnen, die begrenzte Lebensweise unsere Eltern und der anderen Menschen, mit denen wir zu tun hatten, zu kopieren. Es war wie in „Die ANDERE Geschichte vom Adler im Hühnerstall“.

Wir haben gelernt, die Regeln jener sozialen Gruppen zu befolgen, denen wir angehörten. Und wir haben gelernt, manchen sozialen Gruppen angehören zu wollen, anderen angehören zu müssen.

Jede unserer täglichen Handlungen gehört zu einer von zwei Kategorien: entweder tun wir etwas, was wir zuvor schon getan haben (was nichts anderes ist, als einem Programm zu folgen), oder wir tun etwas, was wir zuvor noch nicht getan haben. Ersteres ist Funktionieren; letzeres ist Wachsen.

Funktionieren ist langweilig. Aber es ist sicher.

Wachsen macht Freude. Aber es ist riskant.

Als Kinder sind wir gewachsen. Wir mochten keine Zeitpläne. Wir mochten nicht gehorchen. Wir mochten nicht funktionieren. Und wir hatten Spaß. Und wir sind Risiken eingegangen. Die ganze Zeit. Doch dann haben wir von unseren Eltern gelernt, nach Sicherheit zu trachten und daher das Funktionieren dem Wachsen vorzuziehen. Wir haben das gelernt, indem wir die Lebensweise unserer Eltern kopiert haben. Diese hatten diese Lebensweise von ihren Eltern gelernt/kopiert. Nach Sicherheit zu suchen wurde zu einem menschlichen geistigen Erbe.

Da wir die meiste Zeit funktionieren, wachsen wir nicht mehr (genug). Wir bleiben daher hungrig – vor allem geistig hungrig.

Wir haben gelernt, diesen Hunger mit Ersatzmethoden zu befriedigen zu versuchen. Die Methoden sind vom Typ „ich will mehr“; wie zB mehr Essen, mehr Geld, mehr Besitz, mehr Macht, mehr Sex usw. Doch diese Ersatzmethoden funktionieren nicht. Mehr Essen, mehr Geld, mehr Besitz, mehr Macht, mehr Sex usw ist ganz einfach nicht so befriedigend wie so zu wachsen, wie wir es als Kinder erlebt haben: vor allem geistig.

Da wir die meiste Zeit nur funktionieren (dh unseren Programmen folgen) und keine dieser Ersatzmethoden wirkt, bleiben wir geistig unbefriedigt. Das kann sich als Lageweile zeigen, als Frustration, Aggression, Krankheit, usw.

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Doch es gibt eine Lösung.

Wir Menschen haben die Fähigkeit, unseren Programmen nicht zu folgen. Wir können ein anderes Verhalten wählen. Wir können wählen, nicht in unserer Komfortzone zu bleiben. Wir können wählen, nicht zu funktionieren, sondern zu wachsen.

Manchmal wählen wir auch so. Aber nicht oft genug.

Erinnere Dich an Situationen, in denen Du etwas Neues gewählt hast; wie zB ein neues Lied auf dem Klavier spielen lernen; einen Überkopf-Aufschlag im Tennis lernen; die Bedienung eines neuen Gerätes erlernen; etwas verstehen lernen; usw. Erinnere Dich an die Befriedigung und Freude, die Du erlebt hast, wenn Du erfolgreich warst, dh wenn Du nun mehr konntest oder mehr wusstest.

Darüber spreche ich: die unwiderstehliche Freude des richtigen Wachsens.

Pablo Picasso war dafür ein gutes Vorbild. Wachsen war sein Lebensmotto:

Ich tue immer das, was ich nicht kann,
um zu lernen, wie man es tut.
(Pablo Picasso)

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Wie wächst man richtig?

Menschen können auf drei Arten wachsen: körperlich, sensomotorisch und geistig. Welches Wachstum dient uns am meisten?

Körperliches Wachstum betrifft Größe und Gewicht. Größenwachstum endet üblicherweise rund um Zwanzig. Gewichtswachstum hängt von unserem Ernährungs- und Bewegungsverhalten ab.

Jedenfalls hat körperliches Wachstum (bio-)physikalische Grenzen. Außergewöhnlich große oder schwere Menschen sind in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt und sehr anfällig für Erkrankungen und Verletzungen. Sobald ein Tier (biologisch sind wir Tiere) seine ideale Körpergröße erreicht hat, geht alles weitere körperliche Wachstum in die Instandhaltung.

Sensomotorisches Wachstum umfasst alles, was wir mit unseren Sinnen und unserem Bewegungsapparat machen. Dazu gehören alle körperlichen Fähigkeiten, die wir im Handwerk oder im Sport ausüben.

Auch sensomotorisches Wachstum hat (bio-)physikalische Grenzen. Wir können zB trainieren, in einer Sportart möglichst gut zu werden, vielleicht sogar WeltmeisterIn zu werden. Aber wenn wir ein Top-Niveau erreicht haben, ist ein weiteres Wachstum nicht mehr möglich. Alles weitere Training dient nur dazu, das Erreichte zu erhalten. Mit anderen Worten, sobald ein Tier seine natürlichen sensomotorischen Fähigkeiten erlangt hat, geht alles weitere sensomotorische Wachstum in die Erhaltung.

Geistiges Wachstum umfasst Wissen und Knowhow, wie zB Erinnerungsvermögen, Fremdsprachen, Verständnis, Einsichten usw.

Es gibt keine Grenzen für geistiges Wachstum. Es gibt keine Grenze dafür, wie viele Sprachen wir sprechen; oder wie viel wir erinnern, verstehen und wissen.

Daher bringt geistiges Wachstum immer Ergebnisse. Daher befriedigt es immer. Für Menschen ist geistiges Wachstum die am meisten befriedigende Art von Wachstum. Und es ist die Art von Wachstum, die wir als Kind erlebt haben und unsere Freude am Leben hervorgebracht hat.

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Warum nicht wieder geistig wachsen, indem wir wieder neugierig die Welt erforschen – so, wie wir es als Kinder gemacht haben? Um dort leichter hinzukommen, sollten wir damit beginnen, jenseits der Limitationen unserer Programme zu wachsen. (Siehe mein Blog Post „Wer wählt für uns?“) Von unseren Programmen frei zu werden ermöglicht unbegrenztes Wachstum in der am meisten befriedigenden Form. Das weiß ich aus jahrelanger Erfahrung.