Wie wir zu Robotern wurden

Wie wir zu Robotern wurden

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Mach Fehler. Du bist ein Mensch und kein Roboter.
(Munazar Bhat)

Roboter machen keine Fehler. Roboter funktionieren. Roboter folgen zu 100 % ihren Programmen, dh ihren Regeln und Gesetzen.

Je mehr Regeln und Gesetze es gibt und je strenger wir uns daran halten (müssen), desto näher sind wir am Robotersein. Daher hat uns die Coronavirus-Krise noch mehr zu Robotern gemacht, als wir es ohnehin schon sind.

Noch dazu werden wir aufgefordert, uns gegenseitig beim Einhalten der Regeln zu beobachten – uns gegenseitig daran zu erinnern; Abweichungen zu melden; Verstöße zu ahnden. Die Roboter sorgen dafür, dass alle Roboter bleiben.

Je mehr Regeln und Vorschriften es gibt, desto enger wird der Handlungsspielraum.

Eng … das ist die Urbedeutung des Wortes Angst, das die proto-indoeuropäische Wurzel *angh (= eng) hat.

Angst macht uns noch mehr zu Robotern. Aus Angst werden mehr Regeln und Vorschriften eingeführt, aus Angst vor Bestrafung halten wir uns daran. Und weil sich einige nicht (ganz) daran halten, werden die Regeln noch strenger. Regeln, die unseren natürlichen Bedürfnissen widersprechen, machen uns Angst. Angst, sie nicht befolgen zu können. Oder Angst vor dem Zustand des unterdrückten Bedürfnisses. (Die Coronavirus-Krise liefert Beispiele dafür. Siehe dazu auch mein Artikel „Angst – Der unbeachtete Faktor“.)

Angst wird auch durch Bedrohungen geschürt, wie zB Krankheitserreger, Kriminalität, Naturkatastrophen und Terror.

Regeln und Angst bilden einen Teufelskreis, der von äußeren Bedrohungen angeheizt wird.

Die Coronavirus-Krise macht das sehr deutlich.

Doch wir waren auch vor dieser Krise schon weitgehend Roboter.

Das Wort Roboter kommt vom tschechischen Wort robotnik (= Zwangsarbeiter).

Und das sind wir. Wir sind zu mehr als 99 % Zwangsarbeiter.

Der österreichische Schauspieler und Kabarettist Roland Düringer hat das in einem seiner Programme auf den Punkt gebracht: In einer von mehr als 500 Zuschauern besuchten Vorstellung stellte er die Frage: „Wer würde das, was er arbeitet, auch dann tun, wenn er dafür kein Geld bekäme?“ Zwei Personen aus mehr als 500 meldeten sich.

Diese zwei Personen arbeiten freiwillig. Alle anderen sind Zwangsarbeiter.

Während wir aufwachsen, lernen wir, auf eine gewisse Art zu leben. Und wir können nicht aus, weil uns die Gesellschaft auf subtile Art dazu zwingt, so zu leben. Erfüllen wir die Regeln, werden wir belohnt. Zum Beispiel mit Geld; Noten; Zeugnissen; Urkunden; Orden; Titeln; Lob; Liebe; usw. Erfüllen wir die Regeln nicht, werden wir beschimpft; geächtet; verstoßen; ausgelacht; eingesperrt; usw. Diese Methoden funktionieren, weil wir von klein auf lernen, dass wir Lob und Anerkennung wollen und Bestrafungen fürchten.

Zu den gesellschaftlichen Regeln gehören Gesetze ebenso wie zB Mode.

photo by Alexander Mils on unsplash.com

Den Regeln zu entsprechen kostet Geld. Dieses Geld müssen wir verdienen. Also arbeiten wir (kollektiv) zu mehr als 99 % etwas, um genug Geld zu verdienen. Somit sind wir (kollektiv) zu mehr als 99 % Zwangsarbeiter. Dazu genügt es, dass ein gewisser Anteil der zu leistenden Arbeit Zwang ist. Es braucht Ehrlichkeit, um das zu erkennen; die Frage von Roland Düringer bringt es auf den Punkt.

*

Hier ist ein Beispiel, wie die Anpassung an Regeln der Gesellschaft schon in frühester Kindheit geschieht:

Stell Dir ein spielendes Kind vor. Es ist ganz in sein Spiel vertieft, das tatsächlich eine neugierige Erforschung der Welt ist. (Siehe dazu mein Artikel „Wie man richtig wächst“.)

Es ist Mittag und das Kind wird zum Essen gerufen. Das Kind sagt, dass es keinen Hunger hat, doch es muss gehorchen. Es muss sein Spiel beenden, sich an den Mittagstisch setzen und essen.

Hat das Kind tatsächlich keinen Hunger? Oder ist das nur eine Ausrede, weil es weiterspielen möchte?

Das Kind ist nicht nach physischer Nahrung hungrig, weil es „mit Haut und Haaren“ bei seiner neugierigen Erforschung der Welt ist. Es ist 100 % fokussiert auf das, was es tut. So sind Kinder. Ein Kind, das auf sein Spiel fokussiert ist, ist wunderschön.

Wir alle kennen solche Situationen von uns selbst. Wenn wir mit ganzer Leidenschaft bei etwas sind, wie zB einem Hobby, sind wir nicht hungrig nach physischer Nahrung. Wir sind hungrig nach dem, was wir gerade tun, und wir ernähren uns geistig davon.

Können wir uns vorstellen, dass Pablo Picasso Pinsel und Palette fallen lässt, weil seine Frau ihn zum Mittagessen ruft?

Diese Vorstellung ist absurd. Von den Kindern aber verlangen wird genau das.

Als Kind ist jeder ein Künstler.
Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.
(Pablo Picasso)

Wenn ein Kind hungrig nach physischer Nahrung ist, zeigt es das. Jeder Säugling ist dafür ein lebender Beweis.

Das spielende Kind ist nicht hungrig nach Nahrung. Es will seine neugierige Erforschung der Welt nicht gegen das Befolgen von Essenszeiten eintauschen. Essenszeiten sind eine von der Gesellschaft erfundene Regel. In der Natur gibt es keine Essenszeiten.

photo by Kukuh Napaki on unsplash.com

Doch das Kind muss gehorchen. Es wird zum Essen gezwungen.

Das geschieht so oder in ähnlicher Form immer wieder. Das Kind wird programmiert, seinen natürlichen geistigen Hunger zu unterdrücken und stattdessen den Gesellschaftsregeln zu folgen. Ab einem gewissen Alter richtet sich der Mensch dann freiwillig an Essenszeiten.

So entsteht jemand, der funktioniert; ein Roboter.

(In diesem Beispiel gibt es noch viele weitere ungute Programmierungen. Ich bespreche sie im Kapitel 7 meines Buches „Neugier: Der geistige Hunger des Menschen“.)

*

Die Coronavirus-Krise hat uns noch mehr zu Robotern gemacht, als wir es ohnehin schon waren.

Doch genau darin besteht auch eine Chance.

Die stark einschränkenden neuen Regeln könnten manchen von uns das Robotersein deutlich vor Augen führen. Wir könnten die Regeln hinterfragen – und zwar nicht nur die neuen, sondern auch jene, die vor der Krise selbstverständlich erschienen, doch auch nur mehr oder minder willkürliche Einschränkungen unserer Freiheit waren.

Wir könnten es tun. Das ist eine persönliche Entscheidung. Regeln hängen mit Angst zusammen, wie wir gesehen haben. Somit braucht das Weglassen von Regeln Mut und Neugier, die beiden Gegenspieler der Angst.

Vertiefende Literatur:

Buch „Neugier: Der geistige Hunger des Menschen“

Artikel „Angst – Der unbeachtete Faktor“

Artikel „Wie man richtig wächst“

Artikel „Die ANDERE Geschichte vom Adler im Hühnerstall“